
Wie Routine bei Corona helfen kann
Der Alte Sack hat ja einen Fernseher. Alte Schule eben. Und eine Informationspflicht. Darüber wurde er mal auf unangenehme Art im Biergarten belehrt. Vielleicht könne man beides ja miteinander verbinden, überlegt er.
Deshalb schaut er seit geraumer Zeit ein Morgenmagazin. Natürlich nur bei den Machern des Qualitätsfernsehens, nicht bei den anderen. Es sollen ja keine falschen Eindrücke entstehen. Er sei für objektive Berichterstattung, betont der Alte Sack ja ab und zu. Na ja.
Die Macher nennen das Format MOMA. Klingt dann mehr nach Marke. Eigenständig, unverwechselbar. Also deutliche Aufwertung, auch für den Zuschauer, sagt das Marketing.
Zwischendurch dann ein kleiner Beitrag für die junge Generation. MOMA soll eben ein Sendeplatz für alle sein, aber nicht für alle, sagt das Marketing.
Eine Schülerin wird per Zoom (o.ä.) live zugeschaltet. Sie erzählt, dass sie jeden Morgen so tue, als ginge sie zur Schule. Warte auf den Zug, steige aber gar nicht ein. Keine neue Idee, denkt sich der Alte Sack. Haben wir früher auch öfter mal gemacht.
Der Witz ist aber, die Schule findet ja wegen Corona gar nicht statt. Das hätten wir dann früher aber nicht gemacht, denkt der Alte Sack. Also doch eine neue Idee.
Die 12jährige Schülerin begründet ihr außergewöhnliches Verhalten damit, dass sie die Routine brauche, um überhaupt aufzustehen.
Das Ende des Satzes ist für den Alten Sack 1a formuliert: „Um überhaupt aufzustehen“. Er erinnert sich.
Den ersten Teil hätte man damals so nicht gesagt. Man hätte vielleicht das Wort Belohnung ins Spiel gebracht, nicht Routine. Im Laufe der Zeit hat der Begriff bei ihm aber eine Aufwertung erfahren. Jedenfalls manchmal, manchmal auch nicht.
Hätte er also damals zu seinen Freunden gesagt „Ach wisst ihr, ich brauche meine Routine, ich brauch den Weg zum Zug“, hätten die ihn vermutlich gefragt „Alles gut?“, bestenfalls „Aha“ gesagt. Vermutlich aber: knallhartes Bashing. Damit die wieder mit ihm reden, hätte er mindestens seine Alan-Banks-Mitschnitte hergeben müssen. Vermutlich hätte das nicht mal gereicht.
Abschließend nach ihren Wünschen gefragt, möchte die Schülerin verständlicherweise ihre Klassengemeinschaft zurück. Und zusätzlich, „dass nicht direkt eine Klassenarbeit geschrieben werden muss. Weil viele Schüler richtig Panik vor den Arbeiten und Tests haben“. Gott sei Dank, denkt der Alte Sack. Diese Gefühlslage und auch die Forderung „Keine Klassenarbeiten!“ klingt wieder ganz normal. Wie damals. Er ist beruhigt und denkt: Die ist echt. Kein Fake.
Wegen seiner Pflicht zur Information hätte der Alten Sack jetzt aber noch gerne die Meinung der Mutter kennengelernt. Also was die so denkt und fühlt, wenn ihre 12jährige Tochter während der Homeschooling-Phase mal eben einfach weg zum Zug ist.
Ob die sich z.B. dann nicht völlig verlassen und vereinsamt vorkommt. Hört man ja häufiger bei Homeschooling, dass die Eltern ihre Kinder da nicht loslassen können und sie ständig um rum sich haben müssen.
Kann auch sein, dass harmlose Mütter in Coronazeiten zu Rabenmüttern mutieren. Die sagen dann zu ihren Töchtern, mir ist da gestern so eine Idee gekommen. Es gibt ja einen Zug, der fährt nach nirgendwo. Wär das was für dich? Müsste ja nur morgens sein. Und zur Belohnung kommst du ins Fernsehen. Versprochen.
Natürlich alles reine Spekulation. Hätte ja was mit Menschen zu tun gehabt. Psychodynamik. Menschliche Abgründe. Vermutlich klare Kante: „Sowas machen wir bei MOMA nicht. Nur Informationen“.
Alles in allem: Ehrlicher Respekt vom Alten Sack für die Schülerin. Er denkt, auf die Idee wären wir damals nie gekommen.
Seine Mutter aber schon. „Geh-doch-mal-zum-Zug“ hat sie schon mal gesagt. In schlechten Phasen auch zwei, drei Mal am Tag. Also mindestens. Gar nicht auszumalen, wenn es da auch noch Corona gegeben hätte.
ABMODERATION (Originalton)
„Die Stimme einer Schülerin, die sich monatelang auf den Weg zum Zug machte, obwohl es Unterricht daheim gab. Vielen Dank für die Einblicke in das Leben einer Schülerin in Deutschland im Jahr 2021“
Für alle, die MOMA nicht kennen und schlampig mit ihre Informationspflicht umgehen.
Der Alte Sack versichert, dass diese Produktplatzierung nicht gesponsert wurde. Muss man ja heute sagen, sonst könnte es Ärger geben.
Schönen Tach noch
DAS