
Das große Projekt
Tagesschau vom 30.4.2021
Die 7-Tage-Inzidenz sinkt weiter und liegt nun bei rund 153″
Aber nicht überall:
Intensivmediziner appellieren an Länder und Kommunen, verstärkt ärmere Menschen gegen das Coronavirus zu impfen. Der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung Karagiannidis sagte der Rheinischen Post, auf den Intensivstationen lägen überdurchschnittlich viele Patienten aus ärmeren Bevölkerungsschichten. Um diese Menschen besser zu schützen und die Intensivstationen zu entlasten, sollten alle Bürgermeister und Gesundheitsämter mobile Impfteams in die sozialen Brennpunkte schicken.“
Gute Idee, zeitgemäß, denkt der Alte Sack. Auch ökologisch sinnvoll.
Sein Freund Klaus-Dieter meint: «Das klappt sowieso nicht». Er nörgelt mal wieder. Das macht er gerne. Dann spielt er wieder den Bedenkenträger. Manche brauchen Alkohol, er braucht Bedenken.
«Das machen die mit Absicht. Aus Rache oder sowas». Klaus-Dieter behauptet, er kenne sich bei Menschen aus, er sei ja selber einer, sagt er.
«Die einen ärmeren Bevölkerungsschichten in den sozialen Brennpunkten sagen ja, was krieg ich denn dafür? Wohnung stellen, Geld vom Amt, Krankenversicherung ist ja OK. Alles schön und gut, aber immer nur Bittsteller, sagen sie», erläutert Klaus-Dieter als Kenner der Bevölkerungsschichten in den sozialen Brennpunkten. «Es wird alles nur widerwillig rübergereicht. Nie mit Freude. Jetzt sind wir aber mal in der besseren Position, sagen die» meint Klaus-Dieter. «Jetzt müssen wir nicht zu denen kommen, die müssen jetzt zu uns kommen und diesmal müssen sie freundlich sein, sagen die und meinen das auch so» meint Klaus-Dieter. «Sonst läuft da nämlich gar nichts mit Impfen und Entlastung der Intensivstationen, sagen die».
«Die anderen ärmeren Bevölkerungsschichten in den sozialen Brennpunkten sagen, sie hätten Angst vor Ausweisung oder vor weniger Fruchtbarkeit durchs Impfen, hat die Integrationsbeauftragte auf Nachfrage erfahren. Angeblich». Klaus-Dieter redet sich in wieder in Rage. Damit das irgendwann auch wieder aufhört, darf man ihn jetzt nicht unterbrechen. «Entlastung der Intensivstationen und Herstellung der Normalität interessiert die doch gar nicht. Vor allem Normalität, also was wir darunter verstehen. Die hören da gar nicht hin. Hier rein, da raus. Die haben eine anderen Normalität. Davon haben wir gar keine Ahnung». Klaus-Dieters Gesichtszüge verändern sich. Er wirkt jetzt erschöpft und irgendwie niedergeschlagen.
Max, ein ehemals weltberühmter Marketingberater, übernimmt. Er findet die ganze Idee super. «Das Mobile Impfteam fährt vor. Auf einem Plakat steht: Ich geh impfen – kommt doch mit. Dann Musik zur Einstimmung. Musik ist wichtig. Man müsste wissen, was sie gerne hören. Wenn die Musik zu Ende ist, dann Lautsprecherdurchsage: ‚Hallo, liebe Bürger. Bis 16 Uhr ist das Mobile Impfteam für Euch da’» – «Duzen ist ganz schlecht, dann sind die wieder beleidigt wegen mangelnden Respekts» wirft Klaus-Dieter ein, wieder da, aber noch nicht ganz der alte. Max weiter: «OK, dann eben Siezen. Aber Luftballons für die Kinder. Wirkt sympathisch, lässt Skeptiker sofort verstummen. Alter Trick. Und multilinguale Informationsblätter natürlich, aber bunt. Und Bilder sind wichtig».
«Weiter: die Impfer sollten coole Frisuren haben und wenn sie was von Autos verstehen, wäre das super. Vielleicht kommt es ja zu dem einen oder anderen Gespräch. Man muss unbedingt checken, ob die Impfer männlich oder weiblich sein sollten. Vielleicht geht ein gemischtes Team». Max will jetzt aber keine Genderdebatte. Er will, dass das alles ein bisschen lässig rüberkommt. Aber auch kompetent. «Das wäre so mein Vorschlag zum Erscheinungsbild» sagt der Max.
«Ach ja, und Vorbilder sind ganz wichtig fürs Impfen. Da würde ich aber empfehlen, eine Agentur einzuschalten. Das könnte mein Freund Michael aus Köln machen. Der ist wirklich gut, wenn es um Fragen zur Akzeptanz geht». Max weiß, wo seine Grenzen liegen. Das hat ihn schon immer so kompetent erscheinen lassen.
«Man müsste natürlich auch Inhalte vermitteln, an der Motivation arbeiten. Also Content liefern. Und Anreize schaffen. Nur so als Beispiel: Gratis-Friseurbesuch. Auch ohne Vorlage eines negativen Coronabescheids, aber mit Impfausweis. Wieder eine coole Frisur haben. Da können die dann gar nicht anders als sich impfen zu lassen» – «Machen die doch jetzt schon, auch ohne Nachweis». Klaus-Dieter ist wieder aktiv. «Dann eben wieder reisen dürfen, nach Malle oder in die Herkunftsländer. Das zieht bestimmt. Irgendetwas wird sich da schon finden lassen. Die sind doch auch bestechlich».
Jetzt entspinnt sich noch ein lebhaftes Gespräch, wie man die anderen ärmeren Gesellschaftsschichten zum Impfen bringen könne, also auch die, die noch nicht in den sozialen Brennpunkten leben. Frage: «Soll das mobile Impfteam auch da hinkommen?»
Klaus-Dieter meint: «Ja sicher. Wegen Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Und nicht immer diese Extrawürste für soziale Brennpunkte. Was ist zum Beispiel mit Jutta? Kleine Rente. Also auch ‚ärmere Bevölkerungsschicht‘. Die wohnt noch in ihrer alten Wohnung, aber blöderweise noch nicht im Brennpunkt. Jutta soll auch das Recht auf ihr Mobiles Impfteam haben!».
Horst, bis vor 5 Jahren noch GF bei einem mittelständischen Unternehmen, mischt sich ein: «Vom Ökonomischen her völliger Schwachsinn». Daran sähe man mal wider, dass er nie in einer verantwortungsvollen Position gearbeitet habe. «Der Aufwand lohnt sich doch gar nicht. Die paar Hansel am Tag. Hast du eine Ahnung, was das kostet?» Klaus-Dieter sagt: «Lufthansa-Topf». Klaus-Dieter macht das Gespräch auf einmal wieder Spaß.
Max hat nicht zugehört. Er überlegt. ob es nicht sinnvoller sei, die anderen Ärmeren, also z.B. Jutta, stattdessen in einer großen Shuttleaktion in die sozialen Brennpunkte zu bringen. Nur zum Durchimpfen natürlich, nicht für immer, also mit garantiertem Rücktransport. «Sonst macht Jutta da sowieso nicht mit» weiß Klaus-Dieter. Er kenne sich eben nicht nur mit Menschen, sondern auch bei Frauen ganz gut aus. «Ausgerechnet er!» denkt Max, sagt das aber natürlich nicht.
«Da kämen dann aber in den den sozialen Brennpunkten so locker an die 20 Prozent der Gesamtbevölkerung zusammen. Diese Zahl kommt vom Statistischen Bundesamt», gibt Horst zu Bedenken.
Bei der Vorstellung, so viele Menschen in die sozialen Brennpunkte bringen zu müssen, ist man sich auf einmal einig: «Das geht ja alles schon wegen der Umwelt nicht. Aus. Umwelt ist wichtiger als Impfen. Oder?»
Niemand traut sich zu widersprechen. Damit ist das schöne Projekt kurz vor dem Abschluss gestorben. Allgemeine Erleichterung.
Max, Klaus-Dieter und Horst fanden dieses Gespräch gut. Bei aller Rivalität. Sie hätten viel gelernt. Trotz allem.
«Es muss ja nicht immer ein großes Projekt entstehen», sagt der Alte Sack zum Abschied. Er hat sich nämlich die ganze Zeit überlegt, ob er mit diesen Schwachköpfen überhaupt noch mal reden möchte.
Schönen Tag noch
DAS