
Der beste Versöhner aller Zeiten ?!
Nach diesem blöden Dienstagabend hatte sich der Alte Sack nicht so gut gefühlt. Das hatte auch die YouTube-KI mitbekommen und ihm vorgeschlagen, sich zur Erbauung doch mal Dean Martin anzuhören.
Bei unaufgeforderten Empfehlungen ist er ziemlich vorsichtig geworden. Könnte ja auch eine Falle sein. Früher guckte man einfach auf Wikipedia nach und dann war gut. Neulich hat Gerda – die im Kulturreferat arbeitet – gesagt: «Ach Wikipedia. Da stehen ja auch Fakten und andere Meinungen drin. Das verwirrt nur und hält vom Machen ab». Horst, Trude und Manfred nickten mit dem Kopf. Sie hatten das schon immer geahnt und wirkten irgendwie erleichtert.
Der Alte Sack mochte Gerda noch nie. Sie interessierte sich einfach nicht für ihn. Außerdem fiel sie ihm ständig ins Wort. Deshalb machte er bei dem Wikipedia-Bashing auch nicht mit. Dort sagte jemand:
Dean Martin versöhnt uns mit der Welt“
Das klang harmlos. Auf den ersten Blick sprach also nichts dagegen, sich das Video mal anzuschauen.
Es gibt viele Menschen, die einen Song wie «Born To Lose» von vornherein ablehnen. Nicht nur weil das so komische Musik ist. Der Titel könnte ja auch ein wenig defätistisch klingen, wenn man Waffen liefert. Vor allem, wenn nicht alle richtig funktionieren.
Tagespolitik interessiert den Alten Sack aber eher weniger. Er wollte ja nur seine komische Stimmung loswerden und sehen, ob das mit dem Versöhnen überhaupt stimmt oder nur so dahin gesagt war. Und siehe da: Mit diesem Dean Martin klappte das vorzüglich. Auf einmal spürte er sie – Versöhnung pur!
Da ist der Alte Sack richtig neugierig geworden und hat sich gefragt, mit welchen Tricks der Dean Martin das eigentlich hinkriegt.
Das war schon erstaunlich, was da in dem Video zu sehen und zu hören war. Irgendwie tragisch. Aber auch lustig. Man weiß es nicht so genau.
Und dann hat der Dean Martin sich auch zu solchen Sachen hinreißen lassen:
Als er seinen Orchesterchef mit dessen politischer Orientierung vorstellte, hat sich das Publikum in Las Vegas vor Vergnügen auf die Schenkel gehauen. Keiner pochte empört auf Abbruch der Veranstaltung. Vermutlich hätten nicht mal Dreadlocks gestört. So war das damals – also vor Beginn der Geschichtsschreibung.
Dean Martin hat für die Rolle des Versöhners Geld und Berühmtheit, aber eigentlich nur wenig Anerkennung gekriegt. Quasi Hure. Dafür würde das heute natürlich keiner mehr machen. Nicht mal im Fernsehen. Heute zählt nur noch Expertenwissen. Schade eigentlich.
Der Alte Sack glaubt, dass Dean Martin für die Rolle des Weltversöhners nicht wirklich geübt, sondern einfach nur getrunken, geraucht und gute Laune gehabt hat.
Und vermutlich hat er das alles ohne Kommunikations-Coach und nonverbales Medientraining hingekriegt. Also ohne Textbausteine. Nur mit Talent und Können.
Auf der Suche nach heute ungecoachten Menschen hat der Alte Sack schon mit dem Gedanken gespielt, vielleicht unter Naturvölkern fündig zu werden. Sein Freund Werner hat ihn aber gewarnt: «Vorsicht. Unberechenbar. Die orientieren sich nicht an sozialer Erwünschtheit. Sondern an etwas, das größer ist als sie. Jedenfalls glauben sie, dass es sowas gibt. Was für eine schräge Idee!».
Da muss sich Werner keine großen Sorgen machen. Non-Mainstreamer hält der Alte Sack sowieso auf Distanz. Und wie wichtig Distanz zu solchen Menschen ist, kann man ja überall lesen, hören, sehen. Der Alte Sack hat schon überlegt, mit niemandem mehr zu reden, Telefon und Internet zu kündigen und den Briefkasten nicht mehr zu öffnen. Vom Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen geht aber keine Gefahr aus. Und mehr braucht man eigentlich auch gar nicht.
Denn sonst könnte es passieren, dass man als einfacher Mensch schwuppdiwupp ein Abo an der Backe hat. Oder unbeabsichtigt ein Antragsformular ausfüllt. Und dann ist es meist zu spät. Da kann einem auch eine Rechtsanwältin nicht mehr helfen. Eigentlich nur noch die Sektenbeauftragte – wenn die noch einen freien Termin hat.
Diese Warnungen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn viele interpretieren die Welt völlig falsch. Und merken das nicht mal. Auch nicht, wenn sie durch Experten eindringlich darauf hingewiesen werden. Das macht die Sache auch für gut geschultes Lehrpersonal so frustrierend.
Gerda meint dazu: «Einfach nur bockige Leute. Lassen sich einfach nicht auf Linie bringen. Deshalb so brandgefährlich».
Das gleiche Problem hatte schon der Vater mit dem Alten Sack. Deshalb hatte er gehofft, dass dem Sohn Tore schießen und das Gemeinschaftsleben endlich einen positiveren Zugang zur Welt eröffnen würden. Damit er später einmal in geselliger Runde völlig Unbekannten von seinen großartigen Lebensleistungen erzählen könne. Der Vater war ja insgeheim der Auffassung, dass eigentlich nur Eitelkeiten dem Leben einen Sinn geben würden. Damals fand der Alte Sack das voll peinlich. Jetzt versteht er ihn besser.
Eine Zeitlang hat das mit dem Verein auch gut geklappt. Der Vater war schon erleichtert. Bis der Alte Sack eines Nachts aufwachte und seine Vorlagengeberrolle für den Mittelstürmer auf Dauer als unbefriedigend empfand. Da hat er dann wieder angefangen Fragen zu stellen. Und alles ging von vorne los. Er war halt in jungen Jahren schon ein Alter Sack.
Wenn dieser Dean Marin doch mal was über Klimawandel, Energiesparen, LGBTQIA+ o.ä. gesungen hätte! Hätte auch nicht auf Deutsch sein müssen. Oder wenn er zumindest ab und zu eine Armbinde getragen hätte.
Hat er aber nicht. Ganz schlimm sogar, dass er sich nicht mal von Sätzen wie «I don’t pay women to stay – I pay them to leave» distanziert hat. Pfui. Vermutlich der Alkohol. Oder doch das Rauchen? Am Ende nur eine Laune? Egal, jedenfalls unverzeihlich.
Deshalb hat der Alte Sack jetzt etwas Wichtiges nachgeholt: Seit Monaten liegt schon das Formular zur öffentlichen Distanzierung auf seinem Schreibtisch. Das hat er endlich ausgefüllt, unterschrieben und in die Community abgeschickt. Per Einschreiben. Damit gar nicht erst Missverständnisse aufkommen können. Man weiß ja nie. Plötzlich liegt z.B. ein Anwaltsschreiben im Briefkasten. Oder schlimmer noch: Keiner spricht mehr mit ihm. Fremddiagnose: Pest und Angst vor Ansteckung.
Mit so Menschen wie Dean Martin will der Alte Sack deshalb nichts zu tun haben. Nicht heute und nicht nächste Woche. Wie das im nächsten Jahr sein wird, weiß er aber noch nicht. Der Alte Sack hat schon viele kommen und gehen sehen.
Vielleicht spielen beim Umbau der Gesellschaft plötzlich solche Phänomene wie Dean Martin eine ganz neue Rolle. Vor allem wegen der positiven Stimmung, die sie verbreiten können! Die Wirtschaftspsychologen sagen ja, dass sowas wie gute Laune nicht zu unterschätzen sei. Auch für’s Klima.
Einen Comedian könnte man einem TV-Sender bestimmt abwerben. Aber einen guten Unterhalter zu bewegen, seine Zelte in Deutschland aufzuschlagen? Schwierig. Beim aktuellen Facharbeitermangel?
Horst meint ja, für bessere Laune hätte man ganz einfach nur Fußballweltmeister werden müssen. Klaus hält das für einen ganz abwegigen Ansatz. Fußball sei ja in erster Linie Volkssport! Die Richtlinienkompetenz für Gemütsverfassungen liege aber ganz woanders. Nämlich weiter oben. Eigentlich ganz oben. Nur da könne eine korrekte gute Stimmung erzeugt und dann auch ordnungsgemäß verbreitet werden. Alles andere sei viel zu gefährlich.
Der Alte Sack hat kurz überlegt, aber nichts mehr gesagt. Ganz im Sinne seines Vaters. Der hatte schon immer ein gutes Gespür für kluge Entscheidungen.
Optimistisch bleiben
DAS