Die Alten im Umfragetief

Der Alte Sack wurde gestern auf der Straße schwer angepöbelt. Stellvertretend für alle alten Astra-Zeneca-Verweigerer.  

Dabei war alles so gut vorbereitet: das leicht managebare Vakzin war endlich da, die Abläufe durchgespielt, so 20-30 Patienten am Tag wären möglich gewesen. Kleiner Nebenverdienst bei geringem Aufwand und guter Presse für Ärzte. Die Fernsehteams hatten sich in den Praxen schon  angemeldet. Alles nur eine Sache der Organisation.

Es mussten nur noch die Alten kommen. Die Hälfte hat erst mal nicht mitgemacht, sagte die Ärztin im Fernsehen. Dann gab es auch noch diese Vorinformierten. Das konnte man ja nicht ahnen, dass sich Alte mit Fragen zum Thema Gesundheit beschäftigen – und Fragen haben. Sehr überraschend für alle.

Vorinformierte sind die natürlichen Feinde des Fachmanns. Schrecklich. Falsche Fragen stellen, Zeit stehlen, Routinen blockieren, alles durcheinander bringen – auch den schönen Plan. Nichts war’s mit dem Durchimpfen. Alte, bockige Menschen mit Anspruchsdenken. Privilegierte sollten sich solidarisch, also gefügsam verhalten, fand auch der Alte Sack. Einfach ekelhaft.

Bei den Masken standen sie damals ja noch artig in Reih und Glied. Schein abgeben, Masken entgegennehmen. Keine Fragen. Ging alles Ruckzuck. 6 EUR pro Maske. Ein Geschenk für Alte und Apotheker. Win-Win eben. So hatte man sich das auch jetzt vorgestellt. 

Die morgendlichen TV-Sendungen hatten gesagt, wir leisten unseren Beitrag und strahlen Impfaktionen in Alten- und Pflegeheimen live aus. Damit die anderen Alten wissen, wie sowas geht. Hat alles nicht richtig funktioniert.

War Astra Zeneca vielleicht zu billig und kein Lifestyleprodukt? Haben die Alten sich gedacht, wenn die da oben soviel Murks bei der Beschaffung von Impfstoffen machen, machen wir das auch mal? Damit die wissen, wie sich Enttäuschung anfühlt? Quasi Rache. Konnte sich der Alte Sack bei einigen seiner Bekannten durchaus vorstellen.

Natürlich haben alle erst mal gesagt: wegen Sinusvenenthrombosen. Und dass sie sich mit sowas wie Wahrscheinlichkeiten nicht erst beschäftigen wollen. Impfstoff Klasse II nehmen wir nicht. Jahrelang in die Sozialkassen gezahlt. und dann sowas. Nicht mit uns. Fertig. Aus. 

Aber nicht nur die Ärztin im Fernsehen war wegen der enttäuschenden Impfaktion (und den entgangenen Honorare?) frustriert. Auch das eine oder andere Qualitätsmedium war not amused.

Bei sueddeutsche.de/gesundheit las der Alte Sack einen Artikel, der mal etwas Schwung in das Thema brachte. Tenor: Schluss mit lustig, Die Alten hatten ihre Chance. Es reicht. Nicht mit uns Jungen. Klare Kante mag der Alte Sack ja. 

Die SZ-Redakteurin war noch noch stinksaurer als die Ärztin. Es gäbe da so eine «wählerische Kundschaft» bei den Alten:

So ließe sich zumindest erklären, warum manche von ihnen jetzt selbstbewusst auf einen angebotenen Impfstoff von Astra Zeneca verzichten wollen, um dann später einen vermeintlich besseren mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna abzusahnen.“

«Sahne-Impfstoffe» absahnen wollen und Astra-Zeneca verschmähen, das geht gar nicht. Jedenfalls nicht bei Alten – sonst schon. Der Alte Sack nickte zustimmend, weil das für ihn alles Sinn machte, was die Redakteurin da schrieb.  

Nach der Klärung des theoretischen Überbaus kam dann aber auch ein ganz praktischer Vorschlag der SZ-Redakteurin:

Man könnte an Menschen über 60 nur noch und wirklich ausschließlich das Astra-Vakzin verimpfen. mRNA-Impfstoffe gehen dann wiederum exklusiv an Jüngere – zum Beispiel an Busfahrerinnen, Friseure, Verkäuferinnen oder Eltern von Schulkindern.“

Der Alte Sack war begeistert von diesem Vorschlag..

Wenn es um das Wohl aller geht, müssen die Alten nun mal in den sauren Apfel beißen, sich quasi opfern. sagte sich der Alte Sack. Venenthrombosen hin oder her. Das Vakzin wurde unter Mühen beschafft und schon bezahlt. Wir hinken sowieso hinterher mit dem Impfen. Impfen ist immer ein Risiko. Das ganze Leben ist ein Risiko. Da da da. Wer Sorgen hat, hat auch Likör …

Sein Freund Max, der ehemals weltberühmte Marketingexperte, fand ja auch, dass solche Ideen die Alten aus ihrem Umfragetief holen könnten. «Ein Anstieg um mindestens 3 bei ‚Wertschätzung‘ und ein  Rückgang um 4 bei „Duldung“. Das wären gute Zahlen. Die ließen sich mit Astra-Zeneca leicht erreichen»..  

Blöderweise ist alles ganz anders gekommen: die Entscheider sind vor den Alten eingeknickt. Die standen nämlich im Impfzentrum alle bei Biontech oder Moderna. Das muss beim nächsten Mal natürlich anders laufen.

Aber der zackige Vorschlag der SZ-Redakteurin ging dem Alten Sack nicht mehr aus dem Kopf. Er könnte doch als Blaupause für zukünftige Strategien im Umgang mit Alten dienen, dachte er sich.

Und das Allerbeste an dem Artikel war ja, dass seine Lebensfreude plötzlich wieder da war. Er freute sich auf das, was da noch alles kommen könnte an interessanten Ideen  und Vorschläge für Alte. Er freute auf eine schöne, neue Zeit.  

Mit der Richtung ist der Alte Sack schon mal voll einverstanden. An diesem Punkt ist er sich mit dem Qualitätsmedium sueddeutsche.de und ihrer Redakteurin einig. 

 

Schönen Tach noch

DAS