
Der Meridian, Böse Geister, ein Hurensohn und andere Sachen
Der Alte Sack ist ja der felsenfesten Überzeugung, dass sein schlechtes Abschneiden im letzten Jahr mit dem Verbot von Silvesterfeuerwerk zu tun hatte. Weil die bösen Geister nicht vertrieben werden konnten und ein Jahr lang gemacht haben, was sie wollten. Und keine natürlichen Feinde hatte.
Das soll sich aber wieder gründlich ändern. Mit Hilfe von Sybille. Die hatte ihm eindringlich geraten, endlich durchlässiger zu werden. Sie meinte, dazu gehöre auch, die Existenz dieses ominösen Meridians in seinem Körper nicht länger zu leugnen. Man könne seinen Verlauf zwar nicht exakt lokalisieren, der Alte Sack solle aber zugeben, dass sich dieses Nicht-Sichtbare manchmal bei ihm melde. Das müsse doch als Beweis ausreichen. Und dagegen anzukämpfen sei auch der Gesundheit nicht zuträglich.
Der Meridian gab zwischen Weihnachten und Neujahr deutliche Signale. Daraufhin hat sich der Alte Sack nach 6 extralauten Kanonenschlägen für 1,45 EUR umgesehen. Der Verkäufer hatte ihm zugesichert, dass sowas an keinem Wesen spurlos vorbeigehen würde, auch nicht an bösen Geistern. Er sei Experte und zu genau diesem Thema schon von mehreren Fernsehanstalten befragt worden. Das hat den Alten Sack so überzeugt, dass er nicht eine Sekunde gezögert und sofort zugegriffen hat.
Den endgültigen Ausschlag gab aber das unschlagbare Verhältnis von relativ geringer Investition und der Chance auf ein katastrophenarmes Jahr. Denn falls die bösen Geister über seine Bölleraktion nur ähnlich amüsiert sein sollten wie viele Länder über den deutschen Sonderweg, wäre er zumindest finanziell nicht ruiniert.
Else, seine Nachbarin mit der Katze, sagte, er solle mit seinen Böllern gefälligst dahin gehen, wo der Pfeffer wächst. Ein gutes Verhältnis zu Nachbarn ist dem Alten Sack auch wichtig. Doch wenn er ganz ehrlich ist, besaß er schon immer diese Affinität zu lauten Geräuschen. Auch gerne außerhalb amtlich erlaubter Zeiten. Weil Krach einfach Spaß machte. Also damals. Inzwischen hat sich etwas geändert.
Von der Existenz böser Geister und deren Bekämpfung durch laute Geräusche hatte er erst sehr spät gehört. Im Religionsunterricht wurde das Thema ausgespart. Vermutlich hätte der Lehrer nur ärgerlich «Aberglaube, Aberglaube» in den Raum gerufen. Und alle hätten genickt. Das Wort Verschwörungstheorie war noch nicht erfunden.
Heute geht die junge Generation etwas anders an die Sache mit dem lustvollen Krach ran. Ungefähr 10 Kids hatten am frühen Nachmittag Raketen und Böller direkt an seinem Balkon gezündet. Und nicht aufgehört. Der Alte Sack hätte damals nach einer solchen Aktion so schnell wie möglich das Weite gesucht. Oder, wenn das nicht mehr möglich war, blitzschnell gesagt: «Ich war’s nicht».
Die jungen Leute sind da viel angstfreier. Die bleiben einfach stehen und machen in aller Ruhe weiter. Was sollen sie auch befürchten?
Sie könnten den Alten Sack fürchten. Der erinnerte sich an das, was die Alten damals machten: sich mit einem Eimer Wasser wehren.
Vor ungefähr 12 Jahren hätte er sich noch für so eine Aktion geschämt. Die Freunde hatten sich nämlich vor langer Zeit mal feierlich geschworen hatte, nie so zu werden wie die Alten.
Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es Entwicklungsstufen im Leben gibt. Dafür sorgt das Wunder des Lebens. Hat die Wissenschaft rausgefunden. Und dass auch eine Sache wie die mit dem Wassereimer auch richtig Spaß machen kann. Ob man will oder nicht. Weil sie aus dem Bauch kommt und nicht aus dem Kopf. Eigentlich hätte er schon viel früher mit diesen Bauchsachen anfangen sollen.
Wie die Freunde das gemacht haben. Die behaupteten, ein solches Versprechen habe es nie gegeben. Und nach ein paar Jahren standen ihr Haus, Auto und Boot in Größe und Schönheit denen der Alten in nichts nach. Weil sie Spaß daran hatten. Da muss die Erinnerungskultur natürlich zurückstecken. Die Vokabeln der Freunde klangen aber doch zeitgemäßer.
Eine gute Freundin hatte es mit dem Alten Sack mal gut gemeint und ihm eine Lektüre wärmstens ans Herz gelegt. Er hat das Buch aber immer nur kurz angeschaut und gesagt: «Jetzt nicht». In dem Buch ging es um das Realitätsprinzip. Er vermutet, dass diese Einstellung ein Grund für seinen Trainingsrückstand sein könnte. Bei Wassereimern ist das deshalb so wichtig, weil man nur einen Versuch hat.
Was dem einen Spaß macht, macht dem anderen überhaupt keinen Spaß. Weil die Gesellschaft ja gespalten ist, sagen seit Neuestem auch die Soziologen. Die Anregung, sich mit dem Thema zu beschäftigen, kam aus der Bevölkerung. Zeitnah bestätigte eine weitere Studie, dass es Inflation gibt.
Die Menschen atmeten erleichtert auf, weil die Wissenschaft endlich auch auf dem Laufenden war. Die Auftraggeber der Studien waren eher besorgt. Noch war unklar, ob das Publikum in der Lage sein würde, die Daten ohne Anleitung richtig zu interpretieren. Wie groß diese Gefahr ist, soll eine neue Studie jetzt klären.
Die Spaltung der Gesellschaft zeigt sich auch bei der Spaßwahrnehmung.
Die ungefähr 13-Jährige rief dem Alten Sack auf seinem Balkon nämlich entrüstet zu:
Du verfickter Hurensohn „
Hat die wirklich gesagt !
Neulich hat er gelesen, dass man als unmittelbar Beteiligter Dinge anders wahrnimmt als z.B. in einer wohltemperierten Fernsehdiskussionsrunde. Die Psychologen erklären das damit, dass in der einen Situation eher Gefühle im Spiel sind, in der anderen eher Kognitionen.
Diese These kann der Alte Sack bestätigen. Er spürte aber nur die Gefühle – und zwar die ganz schlechten.
Die drei Worte der jungen Mitbürgerin hatten ihn merklich getroffen. Er musste sich eingestehen, nicht als Sieger vom Platz gehen zu können – trotz seiner grandiosen Wassereimeraktion. Er fühlte sich plötzlich sehr allein, während die anderen zu zehnt waren. Und er hat gemerkt, dass er auf einmal nicht mehr sprechen konnte. Sprachblockade nennen das die Linguisten.
Ähnliche körperliche und mentale Sensationen könnte auch der eine oder andere Impfverweigerer erlebt haben.
Sibylle interessiert sich für viele Dinge. Sie durfte auch schon Erfahrungen mit Flüchtlingen und ihren Traumatisierungen sammeln. Das qualifizierte sie, auch als Quereinsteigerin ohne Weiterbildung, die Krisenintervention beim Alten Sack zu übernehmen:
Du darfst dabei nicht an deine Mutter denken. Heutzutage wird der Begriff „Hurensohn“ universeller verwendet. Die direkte Beleidigung der Mutter ist meist nur nebensächlich oder dient vielmehr dazu, der Anfeindung die nötige Schärfe zu verleihen.
Und wusstest du, dass 2020 „Hurensohn“ das Jugendwort des Jahres werden sollte? 900.000 Jugendliche haben dafür gestimmt. Die liebten dieses Wort und feierten es. Das Wort wurde nämlich nicht von einem Gremium, sondern von den Jugendlichen selbst gewählt. Da hat der PONS-Verlag aber nicht mitgemacht. „Hurensohn“ wird aber zumindest ins Lexikon der Jugendsprache aufgenommen».
Sybilles Worte taten ihm gut. Offenbar lag lediglich ein sprachliches Missverständnis vor. Die Verkrampfung löste sich. Er atmete wieder regelmäßig.
Abschließend riet ihm Sybille, Krise als Chance zu begreifen. Sein Wortschatz entspreche nun wirklich nicht dem aktuellen Stand. Und er solle mehr Verständnis für die heutige Jugend aufbringen. Und andere Länder andere Sitten. Sybille hat dann noch viele Sachen gesagt, aber der Alte Sack war nicht mehr in der Lage, alles aufzunehmen.
Am wichtigsten war ihm ja, dass die junge Dame ihn nur Hurensohn, nicht aber «Mohrenkopf» o.ä. genannt hatte. Das stimmt ihn hoffnungsfroh. Es könnte nämlich bedeuten, dass diese Generation nicht rassistisch denkt – zumindest nicht redet.
Und die junge Dame hatte ihm schließlich das «Du» angeboten, ihn also wegen seines Alters weder ausgegrenzt noch diskriminiert
Im Großen und Ganzen ist der Alte Sack ziemlich zufrieden. Er hat gelernt, was zu tun ist, wenn mal jemand mit Raketen oder Pistolen kommen sollte. Er muss in Zukunft nur seinen Wortschatz erweitern. Oder seine Trägheit überwinden und mehr üben, um am Wassereimer besser zu werden.
Vor allem beruhigt ihn aber, dass es diesen ominösen Meridian in seinem Körper gibt, der ihn auffordert Krach zu machen, wenn es gilt, böse Geister oder noch Schlimmeres zu verhindern.
Optimistisch bleiben. Und das Üben nicht vergessen !
DAS