Heinz und die Stühle

Sein Freund Paul ruft an. Am Anfang Austausch von Belanglosigkeiten. How  are you? Dann aber: Ich hätte ihm ja auch mal Bescheid sagen können. Klingt aus seinem Mund gar nicht vorwurfsvoll, eher persönlich und freundschaftlich. Schnell bietet der Alte Sack eine Entschuldigung an, weiß aber gar nicht wofür eigentlich. Denn Heinz muss man nämlich nicht einladen, das macht er immer selber.

Egal. Man ist ja längst in ein Gespräch vertieft und ganz woanders. Paul kennt nämliche gute Geschichten. Und in Geschichte ist der sowieso 1A. Nicht nur irgendwelche Zahlen. Nein, richtig Geschichte. Also die Geschichte hinter der Geschichte.

Anbiederungen wie «Welchen Beitrag kann ich in Zukunft leisten, damit das nicht mehr vorkommt und unsere Freundschaft nicht unter meinen Unzulänglichkeiten leidet», nimmt er nicht Kenntnis: «Wichtig ist doch nur, dass wir da sind» beruhigt er. Durch solche Kernsätze ist man sofort in einer doofen Position. Man fühlt sich alt, faul, inkompetent und belanglos. Leben vertrödelt. Sich nur auf Nebenschauplätzen rumgetrieben. Schrecklich.

Warum der Alte Sack ihm nicht Bescheid gesagt hätte!? Was für ein Quatsch. Paul muss gar nicht eingeladen werden, Paul lädt sich immer selber ein. Dann steht er plötzlich da, manchmal sitzt er auch schon.

Wenn er noch steht, sagt er solche Dinge wie «Hallöchen, ich bin’s doch nur, Euer Paulchen» und setzt auf den nächsten Stuhl. Alles ohne Eile und erkennbare Aggression, aber mit großer Entschlossenheit und Selbstverständlichkeit. Da kann auch ruhig das Schildchen «Reserviert» stehen.

Belehrungen zum Thema Umgangsformen sind meist sinnlos. Paul verweist dann auf seine vielen Traumatisierungen. Ein reservierter Stuhl wird dann eben zum Behindertenstuhl. Also zu seinem.

Wer da nur verdutzt und kopfschüttelnd guckt, aber nicht über die Erfahrungen eines Wirtshauskellners verfügt, für den kann der Abend schon mal gelaufen sein. Vor allem, wenn die weibliche Begleitung ganz genau hinguckt, was der jetzt wohl macht, wenn Heinz dann über die großen historischen Zusammenhänge aufklärt: «Auf dieser Welt ist nicht nur Platz für Besondere. Das weiß ja jeder. Das ist ja uralt. Das hat schon König Thiamoros gesagt, als er damals von Sophokläus gefragt wurde, durch welchen Mord er denn zum König geworden sei und der ihm dann entgegnete …».

Was macht man da? Da muss man seine Worte sorgfältig wählen. Die müssen dann aber auch sitzen. Auch das richtige Tempo ist wichtig, Bloß nicht ausrasten. Allein schon wegen der weiblichen Begleitung. Die macht sich ja so ihre Gedanken: Was macht der jetzt? Wer ist das eigentlich neben mir? Womit muss ich in Zukunft mit dem rechnen? Die alte Frage: Kerl oder Lusche!

Viele mögen es nicht, so einer Prüfungssituation ausgesetzt zu werden. Die meisten  scheitern an der Aufgabe.

Denn wenn dieser Mensch jetzt zum Wirt geht, damit der die Sache für ihn erledigt, dann weiß die Begleitung: ich krieg keinen Mann. Bestenfalls denkt sie, dass der ohne Nachteile verlieren – also gewinnen – kann. Also hat er Geld. Damit könnte man ja leben, Man kann nicht alles haben.

Man könnte aber auch – z.B. als aggressiv-gehemmter Begleiter – alles über sich ergehen lassen. Und lächeln. Auf «Bella Figura» achten. Also eigentlich resignieren. Wegen der Übermacht des. Gegners. Und wegen des unbekannten Kampfstils. Im Innern aber toben vor Wut: «Was ist das denn für einer. Ekelhaft. Weiß der nicht wer ich bin?».

Richtig blöd wird, wenn sich die Begleiterin auch noch amüsiert ist. Dann ist es zu spät, um «Komm wir gehen» zu sagen. Das ist der Moment, auf den Paul hingearbeitet hat: das Eingeständnis einer Stuhlniederlage. 

Aber es ist auch die Chance auf einen schönen, gelungenen Abend. Mit anregenden Gesprächen. Mit Humor und merkwürdigen Ideen. Das kann er nämlich, der Paul. Plaudern und Geschichten erzählen. Von dem, was eigentlich ist und wie alles auf merkwürdige Weise zusammenhängt. Und nach einer Weile ist alles erlaubt. Plötzlich zieht der Wahnsinn Kreise. Alle machen mit und haben Spaß. Großartig.   

Deshalb sind Stühle bei Paul auch Prio 1 im Leben. Besonders wenn da noch andere sind, die auch auf Stühlen an einem runden Tisch sitzen.

Denn er weiß, dass der eine oder andere in heiterer Stimmung nach Hause geht. Weil da Gedanken nachwirken. die aus Zeitmangel nicht zu Ende gedacht wurden. Häufig untermalt von einem Kichern oder zumindest Schmunzeln – und nicht nur wegen des Alkohols. Vor allem aber, weil das Hirn so herrliche Sachen produzieren kann – wenn man mit den passenden Menschen zusammen hockt.

Der Alte Sack findet ja, dass es viel schlechtere Lebensprinzipen als das Stuhl-Tisch-Reden-Ritual gibt.  

 

Schade, dass Paul nicht mehr auftaucht

DAS