Der Aufwachraum als Chance & andere Sachen

Der Alte Sack hat sich neulich in den Magen gucken lassen.

Kaum ist man eingeschlafen, befindet man sich schon in einem anderen Raum. Und es geht einem wunderbar. Dafür hat der Mann, der sich selbst als «kleiner Anästhesist» bezeichnet, mit seinen erstklassigen Drogen gesorgt.

Als erstes fällt dem Alten Sack das merkwürdige Hemdchen auf, das ihm übergestreift wurde. Seine Mutter hätte jetzt gesagt: «Wie siehst du denn wieder aus? Furchtbar! Was sollen die Leute denken!?»

Der Alte Sack bemerkt als erstes, dass hier viele sind. Durch Vorhänge getrennt. Schade eigentlich. Er würde jetzt gerne mit dem einen oder anderen ein Pläuschchen halten.

Die Vorhänge machen aber auch Sinn. Wegen der Geräusche. Da gibt es große Unterschiede, was Frequenzen und Intensitäten angeht. Von links kommt zum Beispiel ein selbstbewusster, satter Ton. Ausdauernd, aber mit energischem Ende. Dann wieder Stille. Jetzt von rechts. Am Anfang noch zaghaft und verträumt, entwickelt sich das Geräusch aber immer mehr zu einem Tosen mit grandiosem Finish. Respekt. Auch der Alte Sack macht mit. Gar nicht mal so übel. Ein weiterer Patient wird reingefahren. Mit beschämter Stimme kündigt die Person ihr Ereignis an. Gute Kinderstube eben. Die medizinische Fachkraft ermuntert: «Lassen Sie es einfach raus. Das entlastet». Da merkt der Alte Sack, dass er doch glatt vergessen hatte, auch um Erlaubnis zu fragen. Sehr unhöflich. Typisch für ihn.

Er ist nämlich mit der Frage beschäftigt, ob sich allein durch das Vegetative Geschlecht oder sogar Nationalität heraushören lassen. Nur aus persönlichem Forschungsinteresse natürlich. Von solchen Fragen wurde er schon in der Pubertät getrieben. Und diese Gelegenheit kommt ja so schnell nicht wieder.

Jutta, die Gleichstellungsbeauftragte für den Bezirk Nord, findet allein schon die Fragestellung empörend. Sie verlässt schlagartig den Tisch. Für sie sind Unterschiede per se ein Ausdruck von Diskriminierung. Jedenfalls bei diesem Thema.

Auch Ernst steht der Sache reserviert gegenüber. Für ihn sei relevanter, dass er sich im Moment persönlich Kriege und Flüchtlinge nicht leisten könne. Aber darüber wolle ja niemand mit ihm reden. Man hatte vor einiger Zeit nämlich beschlossen, in dieser Runde nicht über persönliche finanzielle Defizite zu reden. Bei möglichen Einnahmequellen gibt es dagegen keine Restriktionen.

Nur Max, der ehemals weltberühmte Marketingstratege, ist die ganze Zeit merkwürdig still und in sich gekehrt. Sehr ungewöhnlich. Er bestellt noch ein Bier. Herbert, der Wirt, bringt es persönlich an den Tisch. Er vermutet, dass Max mal wieder ausbrütet. Alkohol beflügelt bekanntlich die Fantasie.

Also trinkt Max einen Schluck. «Wenn man das Vegetative beiseitelässt und stattdessen das Über-Ich in den Mittelpunkt einer Behandlung stellen würde, hätte das Szenario eine Menge Potenzial. Ich sehe spannende Anwendungsgebiete, zum Beispiel durch minimalinvasive Hirneingriffe. Etwa so: verwirrt, mit permanent schlechtem Gewissen oder Helfersyndrom kommen – sich behandeln lassen – aufwachen – eine angenehme Stimme hören, die sagt: Lass es raus – und dann geläutert und mit gesundem Menschenverstand nach Hause gehen. Der Claim wäre: Katharsis im Aufwachraum! – Wenn sich sowas rumsprechen würde!».

Herbert zieht die Augenbrauen hoch und verschwindet enttäuscht wieder hinter seinen Tresen: «Nur Spinner hier». Er hatte sich eigentlich mehr erhofft.

Die anderen am Tisch wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Nur Horst, früher mal Geschäftsführer eines mittelständischen Hidden Champions, meint: «Also spontan würde ich meinen, dass vielen so ein Eingriff guttäte – nur mal so spontan dahingesagt, aber noch nicht zu Ende gedacht».

Der Schluck aus dem Bierglas hat sich positiv auf Max‘ Energie ausgewirkt. «Wir sollten armen, gequälten Seelen ein Angebot machen. Allen die sich im Dschungel der Meinungsmacher nicht mehr zurechtfinden und nur noch reflexhaft denken, sprechen, agieren. Aber spüren, dass irgend etwas nicht stimmt. Nicht mit ihnen, nicht mit Umfeld» – «Die Zielgruppe scheint mir ziemlich groß zu sein! Das klingt vielversprechend».

Horst war ja gleich von der Idee angetan. «Mal zum Praktischen! Wir brauchen dafür Behandlungsräume. Krankenhäuser oder ambulante OP-Zentren sind schon ausgelastet. Ich schlage also mobile Aufwachräume vor. Was ist eigentlich mit den nicht mehr benötigten mobilen Impfstationen? Mit denen könnten wir bei den Menschen Hausbesuche machen».

Max fühlt sich spontan für die Projektkommunikation zuständig: «Auf dem Wagen großer Aufkleber. In Leuchtfarbe: Wiedererlangung des gesunden Menschenverstandes! Machen Sie mit! Gehören Sie zu den Ersten! Und informieren Sie Ihre Freunde und Bekannte!».

Horst zieht die Augenbrauen hoch. Er ist wünscht sich eine anspruchsvollere Ansprache. «Max, da musst du noch mal ran». Überhaupt ist ihm die Umsetzung des Projekts wichtiger als das Marketing. «Also, wie kommt jetzt der gesunde Menschenverstand zurück in den Menschen? Wie soll das gehen?».

«Man macht natürlich ein Reset. Also zurück auf Werkseinstellungen». Für Max eine klare Sache. Trotzdem hat die Runde noch Fragen. 

«Aha. Aber ganz zurück? Bis zur Geburt?». Horst will wie immer alles ganz genau wissen.

«Das hängt von den Ansprüchen des Einzelnen ab. Es sollte aber auf jeden Fall ein Basispaket für den schmalen Geldbeutel geben. Also Wiederherstellung des Geisteszustand von vor 8 Jahren. Aber richtig Geld macht man dann mit den zubuchbaren Optionen. Als Testmarkt schlage ich die Mitte Deutschlands vor. Da sehe ich das größte Potenzial. Die im Süden werden vermutlich auf ihre verbliebene Restvernunft hinweisen und sagen: Wir sind OK, sollen die anderen das doch machen».

«Vor 8 Jahren? An die Zeit kann sich doch niemand mehr erinnern», wirft Klaus ein. «Nur Nörgler, also alte weiße Männer».

«Könnte sein. Für diejenigen, die nicht wissen, wie das mal war, sollte man einen Flyer mit Bullet Points machen, also z.B. hoher Grad an Realitätsbezug, Diversität von Meinungen erlaubt, geringe soziale Ausgrenzung und Repression, minimale Spaltung der Gesellschaft usw.».

«Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemanden interessieren würde». Für Klaus sind Benefits ein Synonym für wirtschaftliche Vorteile. «Dafür lässt niemand einen Eingriff über sich ergehen. Auch wenn er nur minimalinvasiv ist».

Heinz grinst zynisch. «Reine Romantisierung der Vergangenheit. Reaktionär. Zeit zurückdrehen wollen. Da ist doch außerdem Gegenwind von Bestimmern und Medien schon vorprogrammiert. Die gewohnten Mechanismen und Rituale würden ja nicht mehr greifen. Daran haben die bestimmt kein Interesse. Und Deutsche erst recht nicht. German Angst».

Josh geht das zu alles viel weit: «Das klingt mir alles nach einer Art Anti-Impfkampagne der Gedanken. Quasi Hirn-Impfverweigerung. Jeder soll am Ende wieder seinen gesunden Menschenverstand benutzen? Hilfe! Was wird dann aus mir?»

«Keine Angst!. Der Eingriff lässt sich ja leicht rückgängig machen. Wenn du 14 Tage lang Fernsehen guckst oder Zeitung liest, ist alles wieder beim Alten», beruhigt Max. Josh wirkt erleichtert und ist zufrieden.

Tobias hat sich an dem Gespräch nicht beteiligt. Er ist mit etwas ganz Anderem beschäftigt. «Kann sein, dass man auf das Projekt verzichten muss, weil die mobilen Impfstationen als Aufwärmstuben gebraucht werden. Dann würde der gesunde Menschenverstand ganz von alleine zurückkommen. Ganz ohne Eingriff».

Zu Herberts Aufgaben gehört auch, Reizwörter als mögliche Bedrohungen zu erkennen und im Keim zu ersticken. «Also, meine Kneipe wird keine Aufwärmstube! Das könnt ihr vergessen. Die Heizung dreh ich nur ab einer Mindestbestellung auf».

Alle stehen auf, heben ihr Glas und prosten Herbert zu. Horst spricht für alle. «An diesem Projekt gibt’s rein gar nichts auszusetzen. Max soll mal durchrechnen, ob das am Ende nicht auch günstiger kommt – wenn alle mitmachen. Und aufhören, so skurriles Zeug zu reden».

Alles soll so bleiben wie es ist. Natürlich ohne Weltuntergang

DAS