Martin, Alexa, Inflation & andere Sachen

Beim Frühstück legt Martin dem Alten Sack wortlos die To-Do-Liste für Mittwoch hin. Ganz oben: Netzteil für Alexa defekt.

Alexa hatte sich Martin zu seinem 3. Geburtstag gewünscht. Zuerst war der Alte Sack ja schwer dagegen. Neumodisches Zeug. Gimmick. Er hatte dann aber kurz nachgedacht und auch Vorteile für sich erkannt. Zum Beispiel müsste er Martins Aufforderungen zum Ein- und Ausschalten des Fernsehers nicht mehr nachkommen. Auch das ständige Hin- und Herschalten könnte Martin dann selbst machen. Auf Dauer ist das ziemlich lästig, Martin langweilt sich nämlich schnell.

Der Anfang mit Alexa war mühsam. Die Hunde-Version fiel in allen Tests durch. Sie wurde im Beta-Stadium voreilig auf den Markt geschmissen. Der euphorische Produktmanager hatte sich durchgesetzt, musste nach 3 Monaten aber seinen Sessel räumen. Er berät jetzt die Bundesregierung bei der Digitalisierung.

Die ungenügende Marktreife bedeutete für Martin, dass er viel üben und experimentieren musste. Nach Wochen stellten sich aber erste Erfolge ein. Nach 2 weiteren Wochen gab Alexa endgültig ihren Widerstand auf und verzichtete auf Angaben zum Haushalsnettoeinkommen, Impfstatus, sexuellen Vorlieben und ähnlichem. Auf Cookies bestand Martin aber. Die mag er nämlich.

Martin hat dieses Gen, das viele haben. Schon als Welpe akzeptierte er nur Anstrengung, wenn sie mit einem Belohnungssystem verknüpft ist. Er hatte mal in einem Qualitätsmedium gelesen, dass dahinter das Prinzip der intrinsischen Motivation steckt. Und dass das mit Opportunismus oder Korrumpierbarkeit gar nichts zu tun habe. In dem Artikel stand noch, dass man sich bei der Entscheidung für das Belohnungssystem von erfolglosen und frustrierten Menschen fernhalten solle. Die würden nämlich zum Sozialneid neigen und Wörtern wie Ethik oder Moral benutzen. Man solle die durch zeitgemäße Begriffe wie Haltung ersetzen, also immer auf den Kontext mit Klimawandel, Flüchtlingspolitik, Menschenrechte achten. Martin konnte mit dem Artikel was anfangen.

Die Möglichkeiten, die sich ihm durch Alexa boten, eröffneten Martin ganz neue Perspektiven. Es bestand für ihn auf einmal die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Einfach durch Alexa mehr Lebensoptionen erhalten: zeig ARD, jetzt RTL, danach Pro 7. Fernsehen erschien ihm als höchste Form der Autonomie. Und viel schöner als ständig dem Alten Sack mit seinen genussfeindlichen Kommentaren zuhören zu müssen.

Am Mittwoch hatte der Alte Sack einen Artikel über die steigende Inflation gelesen. Sofort fielen ihm sein Budget und die Ausgaben ein. Mit Martin kann er über sowas gar nicht reden. «Nur die Gegenwart zählt», sagt der nämlich nur.

Eigentlich hat der Alte Sack für Martins Einstellung großes Verständnis. Martin wurde ja von einer Touristin mal von der Straße weg mitgenommen. Im Nachhinein ist der aber nicht gut auf sie zu sprechen. «Schwere Entführung. Gegen meinen Willen. Aus der Wärme und dem Licht des Südens», sagt er. Nur weil er sie mal nett angeguckt habe und sie dann nicht anders konnte.

Als sein Freund Werner den Alten Sack vor 2 Wochen besuchte, hat er nur gesagt: «Vorsicht! Martin ist ein raffinierter Hund. Vorteilsnehmer». Martin hat gekontert: «Ich bin ein traumatisierter Hund». Der Alte Sack hat sich da rausgehalten. Auch weil er seit Martin nicht mehr so alleine ist. Und weil ja Liebe im Spiel ist. Da kann man nichts machen.

Die Liebe der Touristin hat übrigens nicht so lange gedauert. Sie musste sich um neue Projekte kümmern. Und Martin wollte wissen, wie es denn hier auf den Straßen so abgeht. Jedenfalls hat der Alte Sack die Touristin dann irgendwann abgelöst.

Martin hat ihm mal erzählt, dass er am Anfang große Umstellungsschwierigkeiten gehabt habe. Ein Schritt in die richtige Richtung sei aber gewesen, dass er sich nicht mehr selbst ums Essen habe kümmern müssen. Das habe ihm den Weg in ein neues Leben doch erleichtert. Auch den Vorteil von Arztbesuchen habe er mittlerweile eingesehen. Soweit sei das alles schon OK für ihn. Also fast alles.

Nur diese Domestizierung mit so Sachen wie Training, Leine, Gehorsam, geregelte Ausgehzeiten usw., das sei alles nichts für ihn. Das solle man unbedingt weglassen. Das entspräche nicht seiner Mentalität. Das sei vielleicht bei diesen komischen Hunden ohne Vergangenheit angebracht, aber nicht mit denen, die schon mal den Geruch der Straße in der Nase hatten. Und die von weit her kommen.

Aber ihn «Martin» zu nennen, sei ja eine Demütigung ohnegleichen. Eine Zumutung. Eine Schmach sondergleichen. Gut, dass die alten Kumpel aus dem Süden das nicht wissen. Also, hoffentlich nicht.

Ob sich der Alte Sack denn schon Gedanken zur Wiedergutmachung für diese ganzen Demütigungen gemacht habe?! Dazu hat der Alte Sack erstmal nichts gesagt. Martin hat ihm aber Zeit gegeben, sich mit dem Thema ausführlich zu beschäftigen und Vorschläge zu machen.

Der Alte Sack befürchtet, dass die Alexa-Faszination bei Martin mit der Zeit doch abnehmen wird. Ebenso wie die Ruhigstellung durchs Fernsehen. Nicht nur wegen der vielen Wiederholungen.

Martin hat nämlich schon angedeutet, dass sich die entwürdigende Domestizierung auch durch wertige Dinge kompensieren lasse. Etwa durch ein schönes Smartphone. Mit einem großen Datenvolumen. Erst gestern habe er bei O2 so ein Angebot gesehen. Er sei aber nicht auf O2 fixiert.

Und dann hat der Alte Sack auch noch beobachtet, dass Martin Autos mag. Dem weißen Mercedes mit Sportauspuff und einer super Anlage hat er gestern lange nachgeschaut.

Der Alte Sack befürchtet, dass das so weiter geht. Deshalb hat er sich fest vorgenommen, mit Martin doch über Inflation zu reden. Vielleicht könnte man das Thema ja mit dem Satz einführen, dass Preise galoppieren können und dann Pferde statt weißer Autos angesagt sind. Oder Lastenfahrräder. Martin auf einem Lastenfahrrad? Da macht er bestimmt nicht mit. Wegen schlechter Bella Figura.

Man muss ja bei solchen Themen im Auge behalten, dass Martin ein militanter Verfechter der Gegenwartsorientierung ist. Das betont er ja bei jeder Gelegenheit. Dieses Lebensprinzip sorge nicht nur für gute Stimmung und Laune, sondern sei auch gut für die Gesundheit. Davon hat der Alte Sack auch schon gehört. Und auch, dass Experten dazu raten. Also die einen Experten raten dazu. Die anderen vertreten eine ganz andere Meinung. Wie immer.

Die letzteren mag Martin aber nicht. Das seien diese Spielverderber. Furchtbare Menschen, die das Klima versauen, also das von Martin. Deshalb muss er immer gähnen, wenn die was sagen. Und manchmal macht er auch so komische Geräusche dabei. Er könne da eigentlich gar nicht zuhören, sagt er, weil er ja für sowas viel zu empfindliche Ohren habe. Von Natur aus.

Viel besser versteht er sich mit Klaus. Weil der immer sagt: «Alles halb so wild. Das ist noch viel Luft nach oben». Er kennt sich aus. Als er zum dritten Mal pleite gegangen ist, hat er den Briefkastenschlüssel weggeschmissen. Klaus sagt, dass dieser Befreiungsschlag zwar notwendig aber blöd gewesen sei. Jetzt sieht er wieder viel besser aus. 

Im Moment überwiegt beim Alten Sack der Gedanke, dass sich mit Geduld und Gelassenheit vieles ertragen lässt. Erfahrungsgemäß kann sich das aber auch schnell ändern. Er hat schon mal überlegt, deshalb nicht mehr an sein soziales Umfeld zu denken. Aber wenn er dann mit ihnen wieder zusammenhockt, sind auf einmal auch Geduld und Gelassenheit wieder da. Trotz allem. 

Komisch eigentlich. Ist das normal? 

 

Schönen Tach noch

DAS