
Internationaler Frühschoppen, Drogenkonsum, ein Schuh, ein Relaunch und andere Sachen
Es gab mal eine ganz merkwürdige Zeit. Um es vorwegzunehmen: Gut, dass die vorbei ist. Die Menschen waren dick, weil sie viel Fleisch aßen. Sie liebten ihre Autos und putzten sie sogar am Wochenende. Das wurde dann verboten. Wegen Umweltschutz. Sie liebten Erdbeerbowle und ihnen schmeckte Toast Hawaii. An schlimme Sachen haben sie eher weniger gedacht.
Es gab drei Parteien. Die einen waren für die Arbeiter da, die anderen für die Unternehmer und die dritten für Selbständige. Alle wollten Wohlstand für alle. Und wenn es Stress gab, haben die sich auch mal in aller Öffentlichkeit angebrüllt, dann aber an einen Tisch gesetzt und gesagt: »Jetzt lasst uns mal vernünftig darüber reden. Wir haben schließlich einen Eid geschworen«. Danach haben dann alle ihren Teil gekriegt. Natürlich waren die Kuchenstücke unterschiedlich groß. Das machte aber nichts, weil der Kuchen größer wurde.
Zu der Zeit war der kalte Krieg in vollem Gang. Für politisch Interessierte gab es am Sonntag zur Mittagszeit eine Sendung, die »Der Internationale Frühschoppen« hieß. Da wurden Gäste aus vielen Ländern eingeladen und Debatten geführt. Amerikanische und russische Journalisten kamen ganz gerne. Es wurde darauf geachtet, dass sie nicht nebeneinander saßen. Wenn beide da waren, gingen die Zuschauerzahlen nach oben.
Es war eigentlich eine Männerrunde und Teilnahmebedingung war die gute Beherrschung der deutschen Sprache. Es gab keine Beschwerden.
Der Moderator hieß Werner Höfer und war Journalist, nannte sich aber selbst Gastgeber. Man hatte nicht den Eindruck, dass er Angestellter eines Senders war, obwohl man wusste, dass der WDR dahintersteckte. Er war so eine Art Institution, weil er so souverän und unabhängig wirkte. Das ging so weit, dass er in der Runde einfach mal seine Meinung sagte. Das war aber nicht so schlimm, weil er das offen zum Ausdruck brachte. Dass das nur seine Meinung war.
Die Sendung arbeitete mit ganz raffinierten Tricks. Man durfte nämlich rauchen und trinken soviel man wollte. Eigentlich musste man sogar trinken. Wenn z.B. bei einem Gast das Glas halbleer war, kam sofort eine freundliche Frau und schenkte unaufgefordert nach. Selbst der sowjetische Vertreter spürte manchmal die Wirkung des Weins, obwohl er vielleicht was anderes gewohnt war. Zigaretten musste man sich aber selbst anzünden.
Manchmal wurde es auch hitzig. Der russische Vertreter interpretierte die Welt immer anders. Aber er hat sich nie den Schuh ausgezogen und auf Werner Höfers Tisch gehauen, wie das mal ein Landsmann vor großer Kulisse gemacht hatte. Diese Aktion ging um die Welt und war vermutlich nicht mit seinem PR-Berater abgesprochen.
Die amerikanischen Gäste traten anders auf. Die hatten aber auch den Sympathiebonus, die »Freie Welt« repräsentieren zu dürfen. Und sie hatten ja vorher auch die Bevölkerung mit ihren »Rosinenbombern« in schwerer Zeit nicht allein gelassen. Deshalb waren sie Freunde. Sie traten smart auf, ließen aber auch keinen Zweifel an ihren Interessen aufkommen. Selbstbewusst eben. Diesen selbstbewussten Auftritt bewunderten viele deutsche Zuschauer.
Der russische Gast hatte eigentlich nie eine wirkliche Chance in der Sendung. Der hatte schon verloren, wenn er sich hinsetzte. Eigentlich eine arme Sau. Warum der immer wieder gekommen ist, weiß man nicht so genau. Vielleicht war seine Aufgabe, bei den Zuschauern für die Mitgliedschaft in der DKP zu werben oder zumindest den Sympathievorsprung der Amerikaner nicht zu groß werden zu lassen.
Was ist aus dem »Internationalen Frühschoppen« geworden? Er hat ein Relaunch erfahren. Das Austragungsland hatte sich bewährt und wurde beibehalten. Das Ganze wurde aber von einem Fernsehstudio in ein Hochsicherheitshotel verlagert. Der Name musste geändert werden, weil nach Meinung der Marketingexperten »Internationaler Frühschoppen« zu Missverständnissen führen könnte. Russische Gäste werden jetzt nicht mehr einzuladen. Vermutlich befürchtet man eine neuerliche Schuhaktion. Auf Rauchen wird während der Veranstaltung verzichtet, Und um das Nachschenken von Alkohol muss jetzt jeder selbst kümmern.
Die Sendung nennt sich jetzt „Veranstaltung“ und heißt »MSC«. Sie begreift sich als »Marktplatz der Ideen«.
»Publikum« sind nicht mehr Zuschauer, sondern »über 450 hochrangige Entscheidungsträger und prominente Meinungsführer aus der ganzen Welt«. Der Themenkatalog wurde überraschenderweise um »Sustainability« erweitert.
Das klingt alles zeitgemäß und nach einer Erfolgsstory. Es handelt sich nämlich um eine Sicherheitskonferenz. Damit ist in erster Linie Sicherheit für die Teilnehmer gemeint, aber auch für die Bewohner des Austragungsortes. Deshalb werden sie großräumig von den Teilnehmern abgeschirmt. Trotzdem gibt es Zeitgenossen, die etwas zu mäkeln haben. Sie sagen, die Veranstaltung wecke bei ihnen ungemütliche Gefühle.
Trotz des Gratisverkostung mit Alkohol war der «Internationale Frühschoppen» vergleichsweise günstig. Wegen des viel geringeren Polizeiaufgebots. Weil niemand wegen der Sendung auf die Straße gegangen ist. Damals hatten Journalisten aber auch noch einen ganz anderen Ruf. Wenn Rauchen und Trinken wieder Teil der journalistischen Ausbildung würden, könnten auch Qualitätsmedien davon profitieren. Jetzt schütteln vermutlich wieder viele mit dem Kopf.
Freundlich bleiben. Auch gegenüber sich selbst.
DAS