Grüne Diode, rote Diode, das Projekt & andere Sachen

Der Alte Sack hockt mal wieder in seiner Stammkneipe. Heinz, Horst, Werner, Georg und Walter sind auch da.

«Strom wird teuer» sagt Horst eher beiläufig, aber gequält. «Macht nichts», sagt Heinz, «dafür wird er immer sauberer». «Jetzt geht dass wieder los», meint Horst.

Heinz ist Professor an der Uni, also war Professor. VWL und Systemverglich. Er hatte früher mal beiläufig – aber für alle hörbar – seine Pension erwähnt. Wieviel er kriegt. Das hat ihm dann der Wirt mit der Begründung verboten, die Gäste hätten sich über die schlechte Stimmung in seiner Anwesenheit beschwert, Also ihre Stimmung, nicht die von Heinz. Seitdem er sich daran gehalten hat, darf er wieder bei uns am Tisch sitzen. Unter Beobachtung und auf Bewährung.

«Woher weißt du, dass der Strom sauberer wird?»
«Sagen die Stadtwerke».
«Die Stadtwerke sagen nicht sauber, die sagen grün. Grüner Strom»
«Falsch: die sagen Öko-Strom»
«Die kaufen aber ständig an den Börsen dazu und mogeln bestimmt. Keiner weiß doch genau, was da drin ist».

Alle reden durcheinander.

«Ruf Willi an. Willi ist Ingenieur bei den Stadtwerken»
«Willi  w a r  Ingenieur!»
«Einmal Ingenieur, immer Ingenieur»
«Außerdem ist das ein Titel, den man erst mit dem Tod abgeben muss»
«Bitte: Willi lebt!»
«Es geht gar nicht um Titel, es geht um Kompetenz»
«Wenn Willi nicht kompetent ist, wer sonst. Also, wer hat die Nummer von Willi?!»

Willi wohnt ganz in der Nähe. Er müsse erst seiner Frau Bescheid sagen. Er klingt aber zuversichtlich. «Worum geht’s denn? – Ich komme!».

Georg googelt und erfährt: rund 60 Prozent konventionelle, 40 Prozent erneuerbare Energieträger.

Willi ist aufgetaucht. «Sag mal Willi, du bist doch Ingenieur. Woran erkenne ich Ökostrom?»

«Gute Frage. Mit bloßem Auge kann man das nicht erkennen. Du musst dich darauf, verlassen, was der Anbieter sagt».
« Ich trau diesen Brüdern nicht<» sagt Werner.

Willi fällt wieder ein, warum er eigentlich angerufen wurde: wegen seiner Kompetenz.
«Man müsste da etwas machen. Etwas konstruieren. Etwas das für Klarheit sorgt».

Das ist der genau richtige Zeitpunkt, Willi ein Bier zu bestellen. Willi trinkt einen Schluck.

Georg bekommt wieder diesen Blick. Den kriegt er immer, wenn sich am Horizont eine Geschäftsidee auftut.
«Sag mal Willi, ich stelle mir das so vor, dass man direkt an der Steckdose sehen kann, was da für ein Strom rauskommt. Vielleicht sogar wieviel öko und wieviel konventionell?»
«Genau das isses! Das will man wissen» sagt Werner.

Im Raum herrscht Spannung. Alle Blicke auf Willi.

Nur Georg ist nicht ruhig. «Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Niemand will dich unter Druck setzen».

Willi nimmt einen zweiten Schluck. Er schaut zur Decke. Er überlegt. Er spürt, dass jetzt viel von seiner Antwort abhängt. Es geht ihm auch viel durch den Kopf: Freundschaft, enttäuschte Hoffnungen, seine Reputation. Auch seine Frau.

Willi hat eine Entscheidung getroffen: «Ein marktreifes Produkt habe ich noch nicht. Aber ein Konzept».
«Du meinst, du kriegst das hin?». Verhaltene Euphorie macht sich breit.

«Mal sehen; es müsste möglich sein, direkt an der Steckdose öko und konventionellen Strom auslesen zu können. Das müsste gehen. Die beiden Energieträger könnten dann unterscheidbar sein und über Dioden farblich sichtbar gemacht werden. Also rot für konventionell und grün für öko» – «Also so eine Art ein Strom-Identifikator?» – «Genau. Das wäre dann aber nur so etwas wie ein Kontrollanzeiger. Damit könnte man zu seinem Anbieter gehen und sagen: Hallo, das Verhältnis stimmt nicht. Korrigieren Sie das mal oder Geld zurück. Wäre dann Verhandlungssache. Aber die würden dann mitkriegen, da passt doch tatsächlich jemand auf!»

Willi nimmt noch einen Schluck. Die Runde bestellt ein neues Bier für Willi. Jetzt bloß den guten Flow nicht abwürgen.

Georg prescht vor: «Ich weiß, es ist ein bisschen früh: Aber was würde sowas kosten? Nur so round about. Ich will natürlich keine endgültige Zahl von dir». Die Antwort  bleibt aus.

Andere Gäste haben auch mitbekommen, dass da am Tisch gerade Historisches geschieht. Die Runde wird größer.

Und Willis Gedanken nehmen Fahrt auf. Er macht das, wofür er hier ist: Er liefert! «Richtig interessant würde es ja erst, wenn man jetzt wählen könnte: welchen Strom nehm ich denn und welchen nehm ich nicht?».

«Also so eine Art Strom-On-Demand?»

«Richtig. Oder besser noch My-Strom-Service-On-Demand. Das klingt kundennäher, persönlicher. Man könnte damit also entscheiden, welcher Strom-Typ man sein will. Da ist dann auch viel gesellschaftliches Potential drin. Quasi basisdemokratische Relevanz: Also, oute ich mich als Progressiver, der die Zukunft im Blick hat, angesehen und mit einer Menge wichtiger Leute um sich rum, oder oute ich mich als abgehängter Globalisierungsverlierer und sozial gemieden. Keine Lebensfreude, keine Einladungen, immer am Einzeltisch in der Ecke. Man hat also die Wahl bei dem Service.

Heinz hat sich schon entschieden: «Ich nehm natürlich den von der grünen Diode» und ergänzt: «Dazu gibt’s dann eine Anstecknadel – keinen Sticker oder sowas. Am besten In Grün. Und mit Label „CO2-neutral seit …‘. Und fälschungssicher bitte, sonst läuft am Ende jeder damit rum».
«Wenn der rote billiger ist, nehm ich natürlich den roten» sagt Werner. «Diese ganze Ökodiktatur geht mir sowieso auf den Geist. Das hat mit AfD jetzt gar nichts zu tun – bevor das wieder kommt. Das hat nur was mit Angeben zu. tun. Das brauch ich nicht. – Eine Anstecknadel will ich aber auch. In Rot. Als Zeichen des Protests. Auch fälschungssicher. Sonst läuft auch jeder damit rum».

«Man könnte den roten Strom aber auch spenden. Für die, die sich keine grünen Strom leisten können, z.B. für die Tafel oder die Caritas», ergänzt Walter.
«Gute Idee. Würde ich machen» sagt Heinz spontan. «Vielleicht in Verbindung mit einer Nadel als Sonderedition. Gold oder Platin. Dürfte auch ruhig was kosten».

«Das ist doch nur Greenwashing», empört sich Werner. – «Na und?! Machen doch viele so. Wenn es für einen guten Zweck ist! Charity kommt doch sowieso. Wird in Zukunft gar nicht mehr ohne gehen. Nur eine Frage der Zeit. Wenn ich etwas Gutes tue, will ich dafür auch was haben. Soziale Anerkennung ist doch gut. Spricht irgend etwas dagegen?».

Werner fragt: «Wer würden den roten Strom von Heinz denn haben wollen?»  Niemand hebt die Hand.

Herbert, der Wirt und für sein strenges Regiment bekannt, hat die Truppe bis hierhin gewähren lassen. Die roten Flecken an seinem Hals signalisieren aber, dass sein Einschreiten nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
«Willi kann das doch überhaupt nicht. Der hat doch nur in der Verwaltung rumgesessen!

Willi verlässt den Raum in Richtung Toilette. Georg: «Der kommt schon wieder. Der ist robust.
Herbert nimmt das nicht zur Kenntnis. «Sowas würde außerdem gar keine Genehmigung kriegen. Das ist politisch nicht erwünscht. Sowas kann man höchstens im Darknet anbieten. Und kennt sich da jemand von euch aus? Wie das geht? – Na bitte!»

Herberts steigert sich. Sein Realitätsbezug wird größer. Mit dem kommt er immer, um die schöne Stimmung kaputt zu machen. Das macht ihm Spaß. Ein Miesepeter halt! Und voll der Neid! Er muss arbeiten und seine Gäste nicht! Schlimmer noch: er muss nüchtern bleiben – also halbwegs.
«Niemand interessiert sich für so einen Quatsch. Ich z.B. brauch einfach nur Strom, egal was das für einer ist. Damit ich bei meinen Kosten in Zukunft wenigstens die Außenbeleuchtung anschalten kann».

Walter wirkt nachdenklich: «Außenbeleuchtung wäre schon wichtig. Wenn die nicht an ist, kommt doch keine vernünftige Frau mehr hier rein« – «Vernünftige Frauen kommen schon lange nicht mehr» – «Das liegt aber nicht an der Außenbeleuchtung!» – «Woran sonst?» – «Am Wirt natürlich. Herbert kann nicht mit Frauen umgehen» – «Ich glaube nicht, dass das an Herbert liegt!».

Alle Männer blicken schuldbewusst auf den Boden. Kein gutes Thema. Sehr unangenehm.

Willi ist von der Toilette zurück. Bei Georg sitzt der Frust noch richtig tief: «Hör mal Willi. Ich denke, du bezahlst deine Biere selber. Das verstehst du doch!»

Der Alte Sack hatte sich ja aus allem rausgehalten. Er kennt viele dieser Abende. Die fangen meist alle gut an und flachen dann zum Ende hin merklich ab.. War im richtigen Leben ja auch schon so.

Schön ist aber, dass man immer wieder drauf reinfällt. Will man ja auch. Im Grunde bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig. Und eigentlich geht das auch alles schon in Ordnung so.

Alte weiße Männer sind ja schlimm. Aber es gibt noch Schlimmere.

 

DAS