Fußabdruck, Energielevel, Reaktanz & andere Sachen

Dem Alten Sack geht es seit 2 Wochen gar nicht gut. Durch Zufall war er auf eine Website geraten, die seinen persönlichen Fußabdruck errechnet hatte: 10,45 t CO2 pro Jahr.!  Und 1 Tonne soll bald mehr als 50 Euro kosten.

Also 11,72 t war erstmal die Pauschale für jeden, der in Deutschland lebt. Und weil der Alte Sack alleine lebt, gab es gleich mal eine 1 Tonne Straf-CO2, Und noch mal 0,7 t oben drauf wegen nicht-veganer Ernährung. Die machte er aber wieder wett, weil er nicht jeden Tag essen gehen kann. Gut, dass Essengehen teuer ist. Aufgrund glücklicher Umstände konnte er vor einiger Zeit seine große Wohnung gegen eine kleine tauschen. Deshalb konnte er sich jetzt über eine satte 2,3 t-Gutschrift freuen. Auch die Entscheidung, kein E-Auto gekauft zu haben, war richtig: 1 t-Gutschrift. Schlecht war aber, dass er nicht mit Holz sondern mit Fernwärme heizt: eine halbe Tonne Aufschlag. Zum Schluss gab es aber noch eine 1,7 t-Gutschrift für den Verzicht auf Uber-Fahrten.

Eigentlich hätte er jetzt zerknirscht sein müssen. Glücklicherweise bot die  Website aber einen Weg aus dem Dilemma mit seinem schlechten Gewissen an: Kompensation von 5, 10 oder 20 Euro pro Monat zugunsten eines Nachhaltigkeits-Portfolios.

Das klang für ihn erstmal gut, erschien ihm aber nicht ganz neu. Deshalb dachte der Alte Sack noch mal kurz nach: Ablasszettel schön und gut, aber der Fußabdruck müsste doch mit mehr persönlichem Verzicht verbunden sein. Und vielleicht auch weniger Geld kosten.

Er dachte an etwas, das ihm sehr viel abverlangen würde. Und da kam eigentlich nur eine Sache in Frage: Schweigen – wie in manchen Klöstern.

Damit aber am besten klein anfangen, sagte sich der Alte Sack. Also erst mal nur einen Tag lang gar nichts sagen, höchstens „Hallo“, „Ja“, „Nein“ oder „150 Gramm davon“. Mehr nicht.

Die Frage war nur: So ein eintägiges Schweigen wäre ohne Zweifel gut für die Umwelt, aber welche persönlichen Gefahren sind damit verbunden?

Einfach Nichts-Sagen hatte er schon mal gemacht und festgestellt, dass ihn das in eine lebensbedrohliche Situation gebracht hatte. Schweigen verursachte bei ihm nämlich einen abrupt einsetzenden Energieverlust. Und alles nur ausgelöst durch innere Stille.

So wie bei Werner neulich. Alle haben sich gefragt; Was ist mit Werner los, der sagt ja nichts. Und dann musste er künstlich ernährt werden. Schweigen wird nämlich als Ursache für Störungen aller Art häufig nicht erkannt.

Deshalb war sich der Alten Sack auch im Unklaren, ob er mit der Idee eines persönlichen Schweige-Engagements zugunsten der Umwelt nicht ein viel zu hohes Risiko eingehen würde. Sollte er nicht doch die harmloseren Optionen wie Greenwashing, weniger Kurzstreckenflüge und Heizen mit Holz.in Erwägung ziehen? Nein. Er hatte sich für die Höchststrafe entschieden.

Dass er heute mal nichts sagte, fiel eigentlich niemandem auf.

«Walter ist ja Impfverweigerer. Sagt er auch jedem». Mit sowas ärgert Georg gerne Menschen. – Jupp springt sofort darauf an.  «Mit solchen Leuten rede ich nicht mehr. Sinnlos. Total verbohrt. War er aber schon immer». Jupp hatte erst letzten Dienstag noch gesagt hat, dass er nie wieder über dieses Thema reden werde.. In seinem ganzen Leben nicht mehr.

«Und Trude ist Skeptikerin, aber nicht Verweigerin. Sie hat sich aber impfen lassen» – «Gefällt mir auch nicht. Reiner Opportunismus. Nur, um am Leben teilnehmen zu können. Nur Vorteilsnahme – aber keine Haltung. Na, wenigstens hat sie sich impfen lassen».

«Nichts gegen Trude hier am Tisch», wirft Jupp ein. Heinz guckt Jupp an und denkt: sich «Wo die Liebe hinfällt».

«Übrigens: Trude kommt gleich vorbei». Jupp und Georg freuen sich. Heinz fühlt sich unbehaglich, sagt aber nichts. Er will kein Unmensch sein. Und wegen Trude geht er jetzt nicht nach Hause. Er ist schließlich Stammgast und hat Bleiberecht.

Trude kommt. Jupps ist glücklich. Er ruft Herbert dem Wirt zu: «Noch ein Bier und Silvaner für Trude». Trude nimmt sich viel Zeit. Erst mal Herbert begrüßen, dann alle anderen. Sie sagt Herbert, dass sie einen Rioja haben möchte. Jupp tut so, als habe er das alles nicht mitbekommen. Er macht, was er immer macht: er wartet, bis sich Trude endlich an den Tisch setzt. Georg will nach dem Silvaner greifen. Jupp sagt: «Das ist mein Glas». Der Abend ist lang, man kann ja nie wissen. Vielleicht kommt Ute ja noch.

Trude hebt ihr Glas: «Auf alle, die nicht bei uns sein können» – «Schön, dass du können und nicht dürfen gesagt hast». Heinz musste das jetzt sagen.

«Wie geht es Walter?», fragt Trude. – «Dem geht es bestimmt prima. Der fühlt sich als was Besseres. Fels in der Brandung. Unbeugsam. Nicht korrumpierbar. Hat alles zu dem Thema gelesen und ist jetzt Fachmann. Verachtet uns wegen unserer Leichtgläubigkeit. Hält uns für Herdentiere und Trottel. Büttel der Pharmaindustrie. Liest jetzt vermutlich ‚Achse des Guten‘ und vergrößert seinen moralischen Vorsprung auf uns».

«Kann sein, kann aber auch nicht sein», lenkt Trude ein. «Walter hat doch immer gerne hier gehockt. Ich weiß nicht, ob der sich wirklich wohlfühlt». – «Er kann sich ja impfen lassen!».

«Ich glaub, für Walter geht das nicht so einfach. Der kann ja nicht ein Jahr lang erzählen, dass das alles Quatsch ist und dann auf einmal sagen: Übrigens, ich habe meine Meinung geändert». – «Warum denn nicht? Machen wir doch auch» – «Das hat was mit Selbstwertgefühl, Gesichtsverlust und Stolz zu tun. Das verstehst du einfach nicht, Jupp versteht das vielleicht», ergänzt Trude. Jupp fühlt sich angenommen. Heinz sagt: «Trude, du erinnerst mich an meine zweite Ehefrau!».

«Was Trude sagt, ist nicht ganz verkehrt», mischt sich jetzt Max ein, der ehemals weltberühmte Kommunikationsberater. «Wir haben schon 1995 in unserer Studie festgestellt, dass Reaktanz ein nicht zu unterschätzendes Phänomen ist.Psychologische Reaktanz ist die Motivation zur Wiederherstellung eingeengter oder eliminierter Freiheitsspielräume. Reaktanz wird in der Regel durch psychischen Druck (z.B. Nötigung, Drohungen, emotionale Argumentation) oder die Einschränkung von Freiheits­spielräumen (z.B. Verbote, Zensur) ausgelöst.

Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichnet man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung.

Reaktanz liegt typischerweise dem „Reiz des Verbotenen“ zu Grunde. Sie ähnelt dem Trotz, der jedoch auch aus anderen Gründen als der Beschneidung von Freiheit auftreten kann»
Quelle: Wikipedia

«Und auch bei meinem Prometheus-Projekt hatte ich ja eindringlich darauf hingewiesen, dass ,., .»

«Du wollest was sagen?», unterbricht Trude.

«Ach ja, Also zurück zum Thema, Bei der Kommunikationsstrategie ist nicht alles rund gelaufen. Die haben gedacht, dass es mit den Menschen da draußen genauso reibungslos funktioniert wie mit den Journalisten. Also: hat unter Entscheidern funktioniert, funktioniert dann auch bei allen anderen. Fraktionszwang für alle. Einige Menschen haben gesagt: So nicht! Wir wollen Information und keine Ansprachen. Dafür wurde dann die Wissenschaft ins Boot geholt. Die haben zwar viele Zahlen präsentiert, aber vergessen zu sagen, was das bedeutet. Dann haben die den Druck erhöht und 120mal am Tag im Fernsehen Appelle gesendet. Dann haben die es mit der Strategie soziale Erwünschtheit vs. Ausgliederung probiert und sich gedacht, irgendwann müssen sie doch mal kapieren, dass wir es nur gut meinen.

Einige haben sich dann die Ohren zugehalten und sich an den Satz von Joschka Fischer erinnert, wie der dem Bush gesagt hat: ‚I’m not convinced‘.
Sie haben sich abgewandt und gesagt: „Ich guck mal woanders, wo weniger Konfusion herrscht“.

Also, wenn ich die Strategie gemacht hätte, wäre das alles ganz anders gelaufen. Mindestens 99 Prozente Impfquote. Vielleicht mehr. Und Walter säße jetzt nicht in dieser Falle. Ich hätte ihn z.B. nicht an die Wand gedrückt sondern Möglichkeiten geboten, heil aus der Nummer raus zu kommen.

Wäre natürlich nicht leicht geworden. Für ein intelligentes Konzept braucht man natürlich auch intelligente Auftraggeber».

«Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Point of  no Return», sagt Walter. Max blickt bedeutungsschwer zur Decke. Das hat er immer schon gemacht, wenn er seinen Kunden unaufgefordert einen Blick in die Zukunft gewährten wollte. Wegen dieser Angewohnheit musste er seine Kunden häufig wechseln.

«Ja, dann ist das vielleicht so gewesen. Da kann man lange reden. Jedenfalls muss jetzt was geschehen», mischt sich Herbert wieder ein. «Die sind eine echte Gefahr für das Allgemeinwohl, die Intensivstationen, den wirtschaftlichen Aufschwung. Und nicht schon wieder in der Vorrunde in Katar ausscheiden. Irgendwelche Ideen, was man jetzt machen kann?».

Trude weiß, dass jetzt wieder die Zeit der großen Phantasien Alter Weißen Männer kommt. Das kann sie nicht mehr hören. Sie wechselt zu Bärbel und Mathias an den Tisch.

«Also, Leprakranke wurden ja damals nach Spinalonga vor der Küste Kretas gebracht. Zwar kein richtiger Urlaub aber auch kein unangenehmes Klima. Nur so eine Idee. Und dann gibt es angeblich auch dieses Gallische Dorf der Unbeugsamen. Auch eine schöne Gegend. Und von der Mentalität könnte man es sogar sozial verträglich nennen».

«Mal angenommen, Frankreich und Griechend würden Deutsche aufnehmen, noch dazu Ungeimpfte. Wie sollen die überhaupt da hinkommen? Die dürfen doch gar nicht reisen».

«Auch mal kreativ denken. Man könnte ja mit Schleppern Kontakt aufnehmen. Die haben doch auf dem Rückweg jede Menge Leerfahrten. Vom ökologischen Standpunkt her sind Leerfahrten z.B. nach Griechenland sowieso eine Katastrophe. Oder Sonderzüge. Bei den Castor-Transporten hat das nach Anfangsschwierigkeiten doch auch prima geklappt. Ich denke, die Kosten sprechen eher für Lösung 1»

Max hält von diesen Vorschlägen gar nichts: «Wieder diese Schnellschüsse aus dem Bauch heraus. Man darf die mediale Aufmerksamkeit solcher Szenarien nicht unterschätzen. Da werden dann jede Menge Journalisten sein. Und Fotografen. Und jeden Tag Beiträge in allen möglichen Medien. Schwer zu kontrollieren das Ganze. Nicht gut. Lieber im Vorfeld etwas sorgfältiger planen» – «Was Besseres fällt mir aber nicht ein“ – „Mir auch nicht»

Trude setzt sich wieder an den Tisch. Jupp sucht ihren Augenkontakt, findet ihn aber nicht. Stattdessen fragt Trude: «Wollen wir nicht mal Walter anrufen? Der freut sich bestimmt» – «Nein», antworten Jupp und Herbert fast gleichzeitig. – «Warum nicht?», sagt Trude.

«Hallo Walter …. morgen geht’s nicht. Aber Mittwoch. So gegen 18 Uhr? … Bis dahin»

Jupps Laune ist schlagartig im Keller. Eigentlich war das Gespräch ja schon beendet. Aber jetzt muss er noch mal nachlegen: «Ich bin übrigens für Spinalonga. Damit keine Gefahr mehr von denen ausgeht. Das müsste aber schnell gehen. Am besten noch vor Mittwoch».

Als der Alte Sack dann am Ende des Tages seine persönliche Bilanz ziehen wollte, war er doch einigermaßen überrascht: Trotz stundenlangen Schweigens war von Defiziten oder negativen Vibes nämlich nichts zu spüren. Im Gegenteil: sein Energielevel lag bei satten 93 Prozent. Ein für ihn erstaunlich guter Wert.

Jetzt hätte er gerne noch von der Kontrollgruppe erfahren, ob viel reden und wenig sagen auch so einen positiven Effekt hat. Er wollte Heinz, Max und die anderen aber nicht wecken.

Richtig gut wäre es aber erst, wenn er seinen Fußabdruck reduzieren könnte, indem er  schreibt ohne irgend etwas zu sagen. Dann wäre auch ein Energielevel von 85 noch völlig OK. Also während des Schreiben, danach könnte er ruhig wieder bei 30 oder 40 landen. Hauptsache überhaupt Energie.

DAS