Stammtisch - Feb. 2025

(Gedächtnisprotokoll)

 

Gott sei Dank ist heute wieder Mittwoch. Ernst war endlich bei Friseur, Kalle hat sich für die grüne Kappe entschieden und Willi kommt ganz jugendlich mit frisch gewaschener Jeansjacke. Horst bleibt seinen Anzügen treu, heute mal beige. Max und Klaus-Dieter sehen aus wie immer. Sie halten jegliche Abweichungen für Vorboten aufziehenden Unglücks.
Früher waren auch noch Frauen dabei. Das ist aber schon lange her. Niemand möchte sich zu dem Thema äußern. Sowas endete schon immer in gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Ernst kommt seit ein paar Wochen regelmäßig zu spät. Er hatte sich ja der Stimme enthalten, als Horst vorschlug, jede Runde mit der Initiative „Gelebte Demokratie“ zu beginnen.

Weil ein ehemaliger Geschäftsführer mit inneren Kündigungen von Mitarbeitern bestens vertraut ist, ignoriert Horst solche Reaktionen. Er konzentriert sich lieber auf seine Mission.

Horst hat sich nämlich seit einiger Zeit angewöhnt, alles was in der Zeitung, den Nachrichten und dem Frühstücksfernsehen gemeldet wird, auswendig zu lernen. Ein normaler Mensch würde jetzt sagen: «Das ist aber aufwändig». Weil der eben nicht an den Nutzen denkt. Anders ein Stratege wie Horst. Der weiß, dass man gerade mit sowas am Stammtisch punkten kann. Und tatsächlich ging seither sein gefühlter Kompetenzscore steil nach oben.

Das mit dem Auswendiglernen hat übrigens seine Frau mal ausgeplaudert. Gertrud war eine Veränderung an Horst aufgefallen. Das tägliche Üben habe ihn groß wirken lassen. Manchmal geradezu großartig. Sagt Gertrud. Und sein Gang sei ganz anders geworden. Besonders deutlich könne man das beim Überqueren der Straße beobachten. Ziemlich lässig für sein Alter. Als ginge er auf Wolken. Eine Hand in der Hosentasche und die andere zum Horizont weisend. Sagt Gertrud. Wie ein Mann von Welt eben. So habe sie ihn übriges kennengelernt. Vor allem aber: das Auswendiglernen habe ihre Beziehung in einen Jungbrunnen verwandelt. Sagt Gertrud – und grinst ein wenig.

Horst klopft mit dem Siegelring dreimal an sein Bierglas. Kalle und Willi konnten das nicht mitkriegen, weil sie wieder mit Fußball beschäftigt sind. Horst wiederholt sein Klopfen. Jetzt lauter und begleitet von einem lauten Räuspern.. «Ich habe euch etwas mitgebracht». Er hält eine Leuchtschrift auf schwarzem Karton hoch: «Die erste brandaktuelle Vokabel für heute ist …» Er macht eine kurze Pause, um die Spannung zu erhöhen und löst dann auf: «Der Tech-Milliardär».

Er gibt der Runde vier Sekunden Zeit zum Lesen und sacken Lassen. Das wurde in dem Seminar für Führungskräfte auch so gemacht.  Top-of-Mind hatte der Moderator das genannt. Danach zeigt er noch zwei weitere Tafeln: „Die russische Gefahr für Deutschland und Europa“ und „Das alternativlose Schuldenpaket“.

Max, der ehemals weltberühmte Kommunikationsexperte und überzeugte Anhänger von Storytelling-Methoden, ist begeistert: «Klasse. Besser geht’s nicht». Horst fühlt sich gut. «Danke, Max. Ich empfehle übrigens häufiges Memorieren solcher Vokabeln zuhause. Das kann man z.B. ganz bequem beim Kartoffelschälen erledigen. Im Dschungel der vielen Meinungen ist das auch eine große Hilfe bei der richtigen Einordnung».. 

«Und wie lange soll man das machen?» – «Wenn du ein Smart-TV hast, erscheint nach 10 Minuten der Hinweis: „Danke. Gerne bestätigen wir, dass Sie unsere Sendung gesehen und die Sprechübungen erfolgreich absolviert haben. Wenn Sie eine Bescheinigung Ihres Bekenntnisses für die Demokratie zur Vorlage bei Freunden, Bekannten oder Kollegen wünschen, klicken Sie mit der Fernbedienung auf den Button unten rechts„».  

Die meisten sind erleichtert, dass Horst keine weiteren Tafeln mehr hat und der anstrengende Teil des Abends so schnell vorüber ging. Und dankbar, dass sie so viel gelernt haben. Bei so wenig Aufwand. Bis auf Ernst machen alle einen sehr zufriedenen Eindruck. Deshalb bestellen sie noch ein Bier und trinken erst einmal einen ordentlichen Schluck. Und Ernst macht auch mit.

Der Alte Sack ist immer noch schwer beeindruckt. Wie der Horst das wieder gemacht hat! Und wie der das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden kann. Und wieviel Lebenszeit man bei dieser Methode sparen kann. Der Alte Sack über legt noch, wie er die sinnvoll einsetzen kann.

Männer wie Horst geben Sicherheit und Zuversicht. Das sind eben richtige Coaches.  Man spürt sofort, dass einem nichts Schlimmes passieren kann. Und dass man auch immer richtig liegt.

Aber nicht alle Frauen haben das Glück wie Gertrud, so einen Mann an ihrer Seite zu
haben. Sie hätte ja auch Ernst haben können. Aber den wollte sie nicht, weil der damals bei ihr auch schon immer zu spät kam. Er behauptet dagegen, nur seinem Instinkt gefolgt zu sein. Quasi Notwehr. Und der Satz «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» stimme so überhaupt nicht. Das sei auch nur so eine Masche der Bestimmer, um ihn ständig unter Druck zu setzen. Das finge schon beim Aufstehen an. Tagsüber sei es besonders schlimm. Erst gegen Abend lege es sich dann etwas, aber auch nicht viel. Nach langem Herumprobieren habe er durch Zufall ein Gegenmittel entdeckt. Bei ihm funktioniere das ständige Wiederholen der Worte «Mit mit nicht, nicht mit mir» ganz gut. Aber auch nicht immer. Es habe mit der Zeit nachgelassen, sagt er. Wie eben alles im Leben.

Und die Auswirkungen des Zuspätkommens im Leben könnten sowieso nur Menschen mit Nahtoderfahrung beurteilen, meint Ernst. Aber von denen gebe es eben nicht so viele. Und ob das alles stimme, was diese wenigen so berichten?! Oder ob die nur irgendwelche Geschichten erzählen, weil sie Likes im Kopf haben? Im Grunde genommen wissen wir so wenig!

Alles in allem sei es eben, wie es ist. Deshalb sehe er auch keinen Anlass, Justierungen an seiner inneren Firewall vorzunehmen. Das gelte für äußere Feinde. Aber auch für die Sache mit Gertrud.

Der Alte Sack hat aufmerksam zugehört und alles in sich aufgenommen. Nahtoderfahrung hin oder her: Fest steht jedenfalls, dass man durch das Zuspätkommen z.B. den Zug verpasst.

Plötzlich steht ein junger Mann neben ihm: in einer Hose, die oben ganz eng und unten ganz weit ist, Und mit einer Föhnfriseur, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Der nickt ihm freundlich zu. «Deine Freunde sind doch alle schon gegangen. Wir sind also unter uns». Der Alte Sack braucht gar keine Aufmunterung. Etwas in ihm lässt ihn aufstehen und die Hüfte bewegen. Er nimmt Christian Anders das Mikrofon aus der Hand und singt «Es fährt ein Zug nach nirgendwo». Erst zaghaft, mit jedem Hüftschwung aber textsicherer. Ein fast verschüttetes Wohlsein durchströmt seinen Körper. Gut, dass nur Christian Anders sieht, dass er Tränen in den Augen hat. Dagegen kann er gar nichts machen.

Der schrille Ton. des Handys beendet abrupt seinen Zustand. Focus online will, dass er sich eine Eilmeldung anguckt. Der Ernährungsexperte Fabian Kowallik verrät, warum Ananas ein Wundermittel für den Darm sei. Es gelte allerdings zu beachten: «Je unreifer, desto besser». Der Alte Sack ist enttäuscht. Das deckt sich mit seinen Beobachtungen. Also wieder nichts Neues! Warum sollte es auch bei Ananas anders sein?  

 

Aber alles in allem war das wieder ein wunderbarer Abend. Sich der Blödheit seiner Gedanken und Gefühle hingeben zu können, ist einfach durch nichts zu toppen. Dafür sind Stammtischrunden ja da.   

Schön, wenn die Freunde da sind. Und manchmal richtig schön, wenn sie wieder weg sind. Eigentlich auch nichts Neues. Ist das so schlimm? Nein, eigentlich gar nicht.

DAS